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ACTA GERMANICA

ORGAN FÜR DEUTSCHE PHILOLOGIE

HERAUSGEGEBEN VON

RUDOLFHENNING Neue Reihe. Heft 4:

Das mittelhochdeutsche Gedicht vom Mönch Felix.

Von

Erich Mai

Dr. phil.

Berlin

Mayer & Müller 1912

ACTA GERMANICA. NEUE REIHE. HEFT 4.

Das mittelhochdeutsche Gedicht

vom

Mönch Felix

auf textkritischer Grundlage

philologisch untersucht und erklärt

von

Erich Mai

Dr. phil. nn

Berlin Mayer & Müller 1912 GERMANY

Redactor dieses Heftes ist Max Roediger.

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Druck von A. Hopfer, Burg b.M.

Stechert

JUN 2422

Inhalt.

I. Die bisherigen Ausgaben des Felixgedichtes und

die Überlieferung (vgl. S. 411. 422—430 und 482).

II. Kritik der Überlieferung . . . : :. : 22... A. Das Verhältnis der Felix-Handschriften .

1. H:K (vgl. 8. 44-431) - : rm nn

ER e wi e e Ee, ée D ee A

EE verdee A, E et e A E B. Textkritischer Wert der Felix-Hand-

SChrITten .;- 2 u ’’ BE ee re E III. Die Heimat des Felixdichters . . ....... A. Im weiteren Sinne. . .. 2. 2 2 22 2 0 ne. B. Die engere Heimat des Felixdichters. . . . IV. Die Entstehungszeit des Felixgedichts (vgl. 427.) V. Das Felixgedicht unter kulturhistorischem Ge- sichtspunkt .. . -. » 2 2 2 2 2 vr 0 2 000. A. Pfeiffers Väterbuch-Hypothese (vgl. S. 429) . B. Der Felixdichter ein Geistlicher... ...

C. Das Zisterziensertum des Felixdichters 1. Felix ein Zisterzienser . . . 2.2 2 220020. 2. Der Felixdichter ein Zisterzienser ...... D. Das Felixgedicht ein Mittel zisterziensischer Heiligung und Propaganda . .... 2.2... E. Die Bildung des Felixdichters ....... VL Die Quellenfrage . . ». : : : 2 2 2 2 2 22. A. Die im Felixgedicht selber enthaltenen Hindeutungen auf eine Quelle ....... B. Das Felixgedicht und die früheren mhd. Be- handlungen der Legende . . .... 2... 1. Der „Mönch Felix“ und das mhd. Gedicht vom Ziiibelere 2... a. Se ne ;

Seite

1—10 11—34 11—32 11—16 16—28 28—80 80—32

32—34 85—53 85—39 89—53 54—62

63—164

63—68 68—79

79—113

79—102 103—118 113—158 158—164 165—217 165—167 168—184

168—172

2. Der zwibelere, „Mönch Felix“ und Kurds Legende 172—179

3. Der zwibelere, Kurds Legende, das Felixgedicht und Pfeiffers Fragment . . . . 2 2 22220.

179—184

VI Inhalt VI

Seite C. Das Felixgedicht und seine Quellen . .. . 185—205 1. Das Felixgedicht und das einschlägige Predigt- märlein des Pariser Bischofs Maurice de Sully . 185—190 2. De Sullys Prosa, das Felixgedicht und der Lai de

Egeter a u u Er a a a LA 190—200 3. Von der Ausgestaltung des de Sullyschen Predigt-

märleins bis zum Felixgedicht . . . . s.an’ 200—205

D. Das stoffgeschichtlicehe Problem. ..... 205—217

VII. Der Stil des Felixgedichts . . . . . x. 2.2... 218—327 A. Das Verhältnis des Felixdichters zu seinem

keete e A 8 0.0 a ee 218—265

1. Seine Stoffauffassung im allgemeinen . . .... 218f. 2 -Komposition a u a ar a er e 219—251

3. Charakteristik der auftretenden Personen . . . . 251—265 B. Die Erzählungskunst des Felixdichters nach

ihren hervorstechenden Merkmalen. .... 265—296 1. Erzählung, Rede und Gegenrede. . .. esa’ 265—272 2. Abschnittverbindungen `... 272f.

3. Einzeilige Sätze als episches Einteilungs- und Hervorhebungsmittel (vgl. S. 478, 328f.) . . . . 278—276

4. Antithesen und Kontraste... .. e e . . . 276—280 5. Allgemeinheiten in ihrem Verhältnis zu Binza: angaben und -darlegungen . . s.es asna’ 280—284 6. Wiederholungen und Variationen . ...... 284—286 7. Umschreibungen `... 286 f. 8. Antiphasien . . sss os so a e e 288 f. 9. Hyperbolische Stilelemente . . . e eroa. 289—293 10. Lückenbüßer. - . s.. s 2 2 2 2 2 2 2 2 0 0. 293 11. Ordnung und Fortschritt der Erzählung . . . . 294f. 12. Dichter und Publikum . . . 2.2 222020. 296 C. Stilistisch-syntaktische Nachlese. ..... 297—827 1. Der Satz im Felixgedicht . . . . 2... 2.2.0. 297—305 a) Haupt- und Nebensätze. . . ..... 2.297 (478) bi Umfang und Zusammengesetztheit.. . . . . . 2988 c) Wortstellung . . 2». 2.2.2.0. ©. e e . 298—305 d) Störungen der Einheitlichkeit und Vollständig- Kelle) Sat aa ee ee E A 805 (478) 2. Die Satzverbindungen des Felixgedichts . . . 805—314 a) Im allgemeinen . ». . 22: 2 2 2 200 e. 805 f. b) Asyndeton und Polysyndeton . e s.s.. 806 f. c) Wortaufnahme und Responsion . e.e... 307 f.

d) Satzbindung durch Synonyma . e. s... 308.

vu

VIII. Verskunst A. Reim

1. 2. 3.

IX. Das

Gesichtspunkt A. Seine stilistische Bedingtheit 1.

. Vom Wortgebrauch des Felixdichters

. Wortverbindungen

. Die Hebungs-

7. Zäsur und En anbemeni (vgl. S. 461) 8.

9. 10. 11.

Inhalt

e) Metonymisches f) Ironie g) Synekdoche h) Metapher und Personifikation, Vergleichung und

Gleichnis

a) Wortschatz b) Von der Verwendung der Wortarten und -fornıen

a) Wortwiederholung, Wortspiel und Zeugma . . b) Epitheton und Verwandtes c) Numerische Inkongruenz

a gp eg pw ò e

Im allgemeinen Abweichungen vom natürlichen Akzent. . .. . Die einsilbigen Versfüße a) Die fußfüllenden Einsilbler (vgl. S. 461) . . . b) Unkomponierte Zweisilbler in beschwerter zu-

gleich und einfacher Hebung . . c) Die beschwerten Wörter mit vollen Ableitungs-

silben d) Die beschwerten Fremdwörter ei Die Beschwerung von Eigennamen. . . .. . f) Die beschwerten Komposita g) Mehrere Zusammenziehungen in einem Verse

(vgl. S. 479)

e wen e pe ën e òo ò DL e òo òo òo e ew e

e e e e e e ge e 9% ò% e we O% SG e

. Der zwei- und mehrsilbige Auftakt (vgl. S. 461). . Hiat; Wortkürzungen und Wortverschmelzungen

(vgl. 8. 460, 102f. sowie 469f.) und Senkungsauflösungen (vgl.

S. 466, 169) . Wechsel des Rhythmus . Unmittelbare Wiederholung desselben Versbaus . Lautliche Plastik und Malerei Versübersicht (vgl. S. 461, 114 und 479, 351).

Felixgedicht unter literarhistorischem

Se e e e wn e e e e

Volkstümliche Stilelemente

312—314 314—322 814—317 318—322 322—327 322 f. 823—327 327

328—389 828—335 335—389 335—340 840—344 344—360 344—8350

350—854

354—356 356

356 f.

357 f.

358—360 860—363

363—368

868—374 374—3879 380 f.

381—383 383—385 385—389

390—421 390—4083 3890—3895

VIII Inhalt VII Seite 2. Homiletisch-hagiographische Stilelemente . . . . 395—400 3. Das Verhältnis des Felixgedichts zur höfischen Künste enaa h a a e e a a a 400—1403 B. Die dichterische Persönlichkeit des thü- ringischen Ungenannten . .... 2.2.2.0. 404—410 C. Nachwirkungen des Felixgedichts ..... 410—421 X. Text nebst Vorwort . .»...: ee...» 422 (433) —448 XI. Anmerkungen zu den einzelnen Versen und Abschnitten ..... u N e a e. 449-481 Nachträge und Berichtigungen . . ...... 482—485

Register: 4 ze a ae a a . 486—515

I. Die bisherigen Ausgaben des Felixgedichtes und die Überlieferung.

Die mhd. Verslegende vom Mönche Felix, „der hundert Jahre in seliger Entzückung hinbringt und meint, es sei nur eine Stunde gewesen“ t), hat zuerst Wilhelm Grimm im zweiten Bande der „Altdeutschen Wälder“ auf den Seiten 70—82 mitgeteilt. Es geschah dies nach der jüngsten der drei Haupthss., in demselben Jahre, in dem A. W. v. Schlegel, die Verdienste der Brüder nur eben gelten lassend, um so eingehender ihre Schwächen erörterte?). Die „scharfe Kritik“ und „gründliche Auslegungskunst“, die er auf der Basis einer „genauen grammatischen Kenntnis“ verlangte, sind Grimms Text denn auch noch nicht zugute gekommen. Es ist kaum mehr als ein im ganzen getreuer Abdruck jener späten Papierhs., ohne text- oder gar dialektkritische Absicht, mit An- merkungen, die die Schwierigkeiten besser sehen als lösen. Zwei Seiten Legendengeschichte indes sind um der brauchbaren Motiv- formel willen, die sie bieten, noch heute von Wert; im Sachlichen erreichte sie von der Hagens Belesenheit noch 1850 nicht.

Zwar die Lesarten, die dieser unermüdliche Herausgeber altdeutscher Dichtungen III, 701 seines Gesamtabenteuers ver- zeichnet, sind besser als ihr Ruf, aber das S. 613—23 nach der Heidelberger Hs. gedruckte Gedicht?) hat er unbedenklich in die

1) Vgl. außer Vs. 356—58 Weackernagel-Martin, Gesch. d. dtsch. Litt. I, 214 sowie Goedeke, ‚Deutsche Dichtg. im Ma. 136, 46, 23. 2) Auf den S. 730. 734 und 743 der Heidelbg. Jahrbb. von 1815, wozu Anzg. f. d. A. XXVII, 223 verglichen werden mag. 3) Nr. XC. Erich Mai, Mönch Felix. l

2 Erich Mai 2

„mhd. Uniform“ jener inhaltlich so bunten Schwank- und Novellen- sammlung gesteckt. Daß sie auch in diesem Falle „einer Zwangs- jacke“ gleicht, mit Pfeiffer zu reden, ging ihm nicht auf. Und wenn er wirklich den „Zusammenklang der Reimworte“ als einen „häufig nur ungefähren“ erkannte'), auch von der weiteren durch W. Grimm gedruckten Hs. wußte?): er mochte als einer der Mitbegründer der deutschen Philologie nichts annehmen von ihren ihn überholenden, ja ablebnenden Ausbilduern.

Und so war denn Franz Pfeiffer, seinerseits lernend von J. Grimm und Lachmann, imstande, v. d. Hagen in den Mün- chener Gelehrten Anzeigen von 1851) philologisch zu vernichten. A. a. O. 735ff.*) aber hat er am M. F. als „einer der lieblich- sten Legenden, nicht nur der Gesamtabenteuer, sondern über- haupt“, produktive Kritik geübt: aus zwar nicht allen und lauter zwingenden, aber zureichenden Reimen die md. Heimat des Ge- dichtes erschlossen und als der erste Wilhelm Grimms Druck mit dem v. d. Hagens verglichen. Bei den Textverbesserungen freilich, die sich ihm dabei ergaben, ist er mehr eklektisch als kritisch verfahren, und wenn sie zuweilen auch gut zu heißen sind, bei den meisten ist es die Frage. Ihre Nachprüfung aber erscheint um so gebotener, als Pfeiffer”) den auch durch v. d. Hagen nicht berücksichtigten Kalocsaer Kodex für vollkommen entbehrlich gehalten hat. |

Drei Hss. nämlich und ein Druck kommen in Betracht, wenn man eine kritische Ausgabe der „anmutigen Legende“) her- zustellen sich bemüht. |

Was die erste, den Heidelberger Pergamentkodex Nr. 341, betrifft in Vertretung der Bibliotheksdirektion hat

D Vorrede GA. I, p. XXI.

2) GA. III, 777, Nr. 29.

3) Sp. 678 £. = Bd. 32, Nr. 84, vom 27. Mai.

*) Nr. 91 und 92, vom 10. Juni.

5) A. a. O. Sp. 737. Er besaß eine von Goldhahn gefertigte Ab- schrift des Colocensis, die aus seinem Nachlaß an K. Bartsch kam, der sie H. Lambel für seine Erzählungen und Schwänke überließ.

DG F. Benecke gelegentlich einer Besprech. des 2. Bds. der Ad. Wälder in den GGA. 1815, Stek. 187, S. 1851.

3 Die Heidelberger Felix-Handschrift | 3

mir Herr Dr. Hintzelmann zu Heidelberg die Benutzung gütigst gestattet —, so hat v. d. Hagen seinem GA. eine in Farben aus- geführte Schriftprobe anheften lassen. II, 752—556 beschreibt er ihn eingehend; markanter Karl Bartsch in seinen Altdeutschen Hss. der Universitäts-Bibliothek in Heidelberg S. 82, Nr. 169. Es ist eine Foliohs. des 14. Jhs., auf deren 374 Blättern nicht weniger als 211 kleine, gereimte Erzählungen vereinigt sind. Die 41. ist der M. F. Er steht in der zwölften, ihres füniten Blattes beraubten Lage von 6 Blättern, auf den Spalten 90 c, Zeile 11 bis 92d. Diese aber fallen in eine von 88 c—93b reichende Rasur, und wie Karl Bartsch Germ. XVII, 42 dar- getan hat, stand früher für den M. F. Heinrichs von Freiberg Pilgerfahrt des Johann von Michelsberg zu lesen, ein jetzt -am Ende der gesamten Hs. verzeichnetes Gedicht +); ihm folgte, sich im Anfang noch mit dem Schluß des M. F. deckend, Der Maler mit der schönen Frau. Beide Erzählungen wurden wegradiert, und auf dem nicht mehr glatten, schlaffen und schmutzig gelben Pergament, das mit Löchern, gelbbraunen Flecken und Buch- stabenresten wie besät war, dessen Liniensystem man auch ge- tilgt hatte, erstand absatzlos, aber mit einem rot geschriebenen Reimpaar als Überschrift und einem blau verzierten roten An- fangs-4A, rot durchstrichenen Anfangsbuchstaben der jeweils ersten Zeile eines Reimpaars der zugleich auch in fetterer Fraktur als vor und nach der Schabung geschriebene Mönch Felix. Der Raum aber von 92c, wo er endet, bis zum Anfang von 93b, wo die Rasur es tut, eine Spalte sechs Zeilen, ist leer geblieben. Was die Sprache betrifft, so ist das ursprüngliche Mittel- deutsch, wie unten zu belegen sein wird, bayrisch versetzt. Über- dies erscheint das Gedicht in einer von der Norm ziemlich ab- weichenden Orthographie. So ist oft A geschrieben statt ch (evh 185. 186. 209. 244. 274 und 281), ch statt A (nicht in seht 247, aber in licht, zuchten, luchten, gicht, gedachte, dovchte, brachte, bracht, nicht, hinacht), i statt j (iamer, iar, iaren, iunge, iach, iahen), k

statt c (sank, dank, kvniklich, mak, erklank), ck statt c (Suffix

1) Bl. 873a—374d. Es fehlt ihm hier merkwürdigerweise der Ein- gang, den die abgeschabte Pilgerfahrt aufwies. 1*

4 Erich Mai 4

-ick, sanck, danck, rock, sock, lack), s statt z (ts, mvsen, hin und wieder im neutralen Nom. u. Akk. Sing. der st. flektierten Adj.), v statt u, fast durchweg z statt s im Praet. waz, f zuweilen statt v und pf statt ph, vereinzelt gk statt ck (klogke), U statt 2 (svlle 267) und statt zz entweder ss wie in beslossen 15 oder zs wie in sluzsel 246. Herregot findet sich einerseits, alze, alzegroz, alzebrait, alzehant, und andererseits himel kuniginne, vol grunden, ver lihe, ver fúlt, uber suzet, en wurde, en wart, al gemeine, da vor, zu samen. Neben marie, krist, felix und rines steht Michahel, Elyas, Job, Responsorium, Schaprvn, und auch die Versanfänge sind groß geschrieben. Von Abkürzungen begegnen w statt wu (wunder, wunnenklich), zwei nebeneinander stehende Punkte für ra (sprach), verschiedene Häkchen für -er-, -ri-, -re und -n sowie vn 362 statt unde. Übrigens fehlt jede Quantitätsbezeichnung und Inter- punktion. Der Umlaut ist in klóstern 207 und möglicherweise in hösten 370 angegeben. Schreibfehler vermerken S. 12f. und S. 15. Ich beziehe mich auf die Hs. mit H.

Mit K bezeichne ich eine aus 338 Blättern bestehende Per- gamenths. der Erzbischöflichen Bibliothek zu Kalocsa in Ungarn: die mit der alten Signatur A,XI versehenen gesamt aventhewer, worunter ich zufolge der von Pfeiffer und M. Haupt an v.d. Hagens Auffassung geübten Kritik!) gesammelte Erzäh- lungen in Reimpaaren verstehe ?). 1784 bereits gemeldet ?), ist der Kodex erst 1813 in Friedrich Schlegels Deutschem Museum IV, 402—40 von M. G. Kovachich ausführlich beschrieben und seinem Inhalte nach gewürdigt worden. 1817 haben Joh. Nep. Graf Mailáth und Joh. Paul Köffinger eine Auswahl, 15 von 184 Gedichten, drucken lassen; in der Einleitung folgt der Geschichte und Be- schreibung der Hs. wiederum ein Inhaltsverzeichnis*). 1850 end- lich, um anderes zu übergehen, hat v. d. Hagen im GA. IMI,

1) Münch. Gel. Anz. vom 27. Mai 1851, Sp. 674; ZfdA. XV, 225, 26.

2) Vgl. J. Schwietering, Singen und Sagen, Göttingen 1908, S. 45 ff.

3) In der Allgem. dtsch. Bibl. Bd. 57, 1. Stek., S. 289: Auszug aus einem Briefe aus Wien vom 22. Februar.

1) Da dieses unter dem Titel Coloezaer Codex altdtsch. Gedicl:re

erschienene Werk wie der 4. Band von Schlegels Dtsch. Mus. bald ver- griffen waren, hat F. W. Genthe die in beiden Büchern gemachten Mit-

5 Die Kalocsaer Felix-Handschrift 5

756—60 das Verhältnis von K zu H unter der keineswegs ein- wandfreien Voraussetzung erörtert, daß es sich im ganzen und ein für alle Mal bestimmen lasse. Während aber Kovachich?) K in das 14. Jh. setzt, folgt v. d. Hagen der Mutmaßung Köffingers, wonach der Kodex für die Bibliothek des ungarischen Königs Mathias Corvinus und zwar in Deutschland zusammengeschrieben wurde. Als Stiftungs- jahr der Corvina aber vermutet Budik*) 1476, und so ergäbe sich als Entstehungszeit von K das letzte Viertel des 15. Jhs. Um diese Annahme zu rechtfertigen, verweisen die Herausgeber auf Katonas 1793 erschienene Historia critica Regum Hungariae, wo es auf S. 727 vom Kõnige heißt: In scribas et librarios . . . triginta tria aureorum florenorum millia annuatim insumsit. Doch als erworben dafür werden von den Gewährsmännern Katonas nur lateinische, griechische und hebräische Hss. genannt: deutsche vermißt man. Und wenn Schottky in Büschings Wöchentlichen Nachrichten II (1816), 362 bemerkt, daß „die Membrane auch den Einband der durch die Türken zerstörten, herrlichen Corvinianischen Bücherei“ trage, so steht dieser allgemeinen Angabe die Tat- sache entgegen, daB in keiner der ausführlichen Beschreibungen des Kodex das charakteristische Wappen des Königs?), ein Rabe mit einem goldenen Ringe im Schnabel, erwähnt wird. Wichtiger aber als diese Argumente ex silentio erscheint die Wahrnehmung, daB die angeblich dem Ende des 15. Jhs. an- gehörige Hs. durchaus in einer dem 14.*) geläufigen Art, in fetter Fraktur nämlich, geschrieben ist. Vor allem deuten die

teilungen im 2. Bd. seiner 1841 erschienenen Deutschen Dichtg. des Mas. 346ff. wiederholt.

1) A. a. O. S. 423.

2) In seinem Aufsatz: „Entstehung und Verfall der berühmten, von König Mathias Corvinus gestifteten Bibliothek zu Ofen“ im Anzeigebl. der Jahrbb. der Lit. von 1839, S. 38 f.

DS Budik a. a. O. 40; W. Wattenbach, Deutsch. Scehriftwesen im Ma.? 339.

1) Vgl. etwa G. H. Pertz, Schrifttaf. 5. Heft (1849), Tab. VI: Chron. Hild. fol. 141; Die Buchschriften des Mas. (Wien 1852) Taf. XVIII und XX1; Arndt, Schrifttaf.?, Taf. 59 und Pauls Grdr. I}, 279.

6 | Erich Mai 6

nicht übergroßen Anfangsbuchstaben, blau und rot, wie sie ab- wechselnd gemalt und verziert sind, auf diese Zeit. Ihr gemäBer ist denn auch die unverblaßte Tinte, das noch liniierte Pergament, der mit blaßrotem Leder überzogene Einband aus starken Holz- tafeln?). Im besondern aber stimmt K, als Ganzes betrachtet, mit der oben angeführten Hs. des 14. Jhs., mit H, „nicht bloß nach ihrer äußeren Einrichtung und ihrem Schriftduktus, sondern auch nach ihren sprachlichen und graphischen Eigentümlich- keiten“ ?) überein.

Ich setze also gegen Köffinger, Schädel?), Lütcke®), v. d. Hagen”) und Maeker®), aber mit Kovachich ^, W. Grimm °), Pfeiffer °), Reissenberger 1°) und Brendel +!) auch den Kalocsaer Kodex ins 14. Jh.

Was nun den M. F. betrifft, so bildet er das mit VII be- zeichnete neunte Stück der Sammelhs., und ich suchte es um so eher zu vergleichen, als K dem Texte trotz Mailáths Bemühungen noch nicht zugute gekommen war. Der Kodex selbst freilich konnte den Gefahren einer Verschickung auf so weite Entfernung nicht ausgesetzt werden. Aber da Karl Weinhold die Güte gehabt hatte, meinem Gesuche seine Empfehlung zu leihen, so veranlaßte S. Hochwürden, der Domherr und Direktor der Erz- bischöflichen Bibliothek zu Kalocsa, Herr Dr. Paul Macskovics,

1) S. Wattenbach ? 179. 193. 199. 200. 308. 319 und 332; Kovachich a. a. O. 420, 1.

2) S. K. Reissenberger in PBB. XVI, 330; auf S. 28ff. seiner Ein- leitung zum Reinhart Fuchs, Halle 1886 (2. Aufl.!); in der zu Wien 1893 erschienenen Ausg. von Des hundes nôt 23f.

3) Der Wiener mervart, Progr. des Gymn. zu Klausthal 1842, S. 12.

t) v. d. Hagens Germ. V, 123.

5) GA. III, 756f.

6) Die beiden Redaktionen des mhd. Ged. von der Heidin, Berliner Diss. 1890, S. 15. Vgl. das demnächst erscheinende Palaestraheft Pfannmüllers.

7) A. a. O. S. 428.

3) S. VI der Vorrede zur Gold. Schmiede, Berlin 1840.

?) Marienlegenden, neue Ausg. von 1863, p. XVII.

10) S. Anm. 2.

11) Über das mhd. Gedicht der Borte von Dietrich von der Glezze, Hallische Diss. 1906, S. 3.

7 Die Kalocsaer Felix-Handschrift 7

mit einer für beide Teile ehrenvollen Zuvorkommenheit eine „ge- naue Abschrift“?) des Felixgedichtes. Und zwar hat der Bibliothekar der Erzbischöflichen Bibliothek, Herr Dr. Paul Winkler, die- selbe uneigennützig besorgt.

Danach ist, wie H, so auch K bayrisch überarbeitet: S. 13f. bringen die Belege. Aber auch in orthographischer Hinsicht steht es H nahe. Es schreibt meist v statt u, in den für H angegebenen Fällen ch statt hA (auBer in giht 320 und niht 69. 186. 196. 227 und 251) sowie ¿ statt j, häufig pf statt ph, c zuweilen statt k (crist 366, cristallen), k statt c, f statt v, U statt l (sulle 267 und solle 376), mm statt m (himmel), s statt z (es, im neutr. Nom. u. Akk. der stark flektierten Adj.), ss statt zz (beslossen, slvssel), z statt s (vogelinez) und zz statt z (nicht bloß in geniezzen: enisliezzen HK;G13, sondern auch in svzze, mvzzen). Es bietet Herregot, altze, alzebreit, alzegroz, alzehant, owe 143 gegenüber Himmel kuneginne, vol grunten, be kumen, ver folet, en weste, al gemeine, zv samen. Es schreibt, von krist, felix und rines abgesehen, die Eigennamen groß, größtenteils die Vers- anfänge, außerdem Herre, Deum, Himelrich, Hundert, Zuchten, Diemvtic, Novicius, Schapron, Letze (224), Responsorium und Amen. Eigentümlich ist K die Schreibung tz statt cz in letze und die von tz statt z in tzorn, teieren, altze (277), vntz. Von Abkürzungen begegnet nur vn statt vnd(e): Vs. 74. 304 und 308. Interpunktion und Längenbezeichnung fehlen. Dagegen sind Absätze durch große Initialen kenntlich gemacht. Schreib- fehler verzeichnen S. 12f. und 16.

Drittens die Gothaer Miszellanhandschrift Ch. A. 216, im folgenden mit & bezeichnet. Sie enthält auf dickem, gelb- braunem, von oben nach unten gerieftem Papier das Landrecht und Würzburger Angelegenheiten; von Bl. 74 an aber sind in der braungelb gewordenen Schnörkelschrift des 15. Jhs.?) eine Reihe kleiner Erzählungen verzeichnet, die sich zu je zwei Spalten

1) Im Begleitschreiben der Bibliotheksdirektion vom 18. XII. 99.

2) Vgl. Fr. Jacobs und F. A. Ukert, Beiträge zur ält. Litt. od. Merk- würdigkeiten der Herzogl. öff. Bibl. zu Gotha, Leipzig 1836, II, 294 ff.. (M. F.: S. 298).

8 Erich Mai 8

auf der unliniierten Folioseite bis Bl. 110 einschließlich erstrecken. Spalte 99a bis 101b aber steht mit ungleich darüber verteilten Versen, mit Absatzzeichen und der in großer Fraktur schwarz aus- geführten Überschrift Von eim heilige Müch der M. F. Übrigens ist am linken Rande vor Vs. 19 und 20 ein abgekürztes nota zu finden und darunter die Schreiberbemerkung: Der gyng got nach. Herr Professor Dr. H. Georges zu Gotha hat mir die Benutzung der Hs. in liebenswürdiger Weise gestattet.

Wie H und K, so ist auch G bayrisch überarbeitet. Daher der Schwebelaut zwischen e und : in enslef 43, zwischen u und o in früm 194, daher aus & verdunkeltes ö in wo 89, on(e) 6. 58. 59 und 65 sowie in worheit 168. Daher die zahlreichen au (< û und ou) und eu (< tiu) in kaume 174, aus 355 und daucht 79, in auge 73, augen 60, fraude 58. 62. 65. 88. 99 und 365, frawe 3. 11 und 12, schawen 66, erfrawet 119 und gelauben: rauben 213, in ewer 204 und 210, rewe 149 und in sämtlichen euch. Daher die uo in tút nicht nur, mut, brüder!), güt, demütig, zù, sondern auch in wüte 231, 276 und in dem häufigen dù?). Daher Formen wie enkam 25 und kemmest 115 statt enguam und quömis HK, betutiet 147, die durch Konsonantenverdoppelung entstandenen Härten und Schärfen, und wenn auch am Ende nicht die vorwiegend alemannische, md. aber keineswegs unerhörte Nasalierung der 2. Pl. in hettent 184 3), so doch die oberdeutschen Apokopen, die Änderungen endlich, die zugunsten reiner ober- deutscher die md. Reime beseitigen: Vs. 6. 221. 247 und 320 nicht so sehr, als Vs. 105. 115. 194 und 275.

Was aber die Orthographie betrifft, so findet sich ver- einzelt ú statt j (iamer), y statt © (by 290), u statt v (nouicius), v zuweilen statt «, ve statt ? (bie 282 und 320, Konj. Praes. sie 319), ye statt ie (schantyeren, alhye 171), ey statt ei (keyser), ù an-

1) Vgl. Kap. III A, wo sich aus den von HK;G gemeinsam über- lieferten md. Formen innerhalb der Vss. ergibt, inwieweit G von % für uo absieht. Danach fehlt es in dem dreimal vorkommenden buch z. B. ganz; in dem zehnmal erscheinenden bruder (G 219 steht brüder, Vs. 274 fehlt) tritt es nur ganz zuletzt zweimal auf.

2) Weinhold, Mhd. Gr.? 8 138; 71 und 473. 3) Weinhold 88 369. 375. 896.

9 Die Gothaer Felix-Handschrift 9

scheinend statt uo (S. 8 Anm. 1!). Spirantisches z erscheint auch nach langem Vokal fast regelmäßig als zz (gruzze, strazzen, grozze, suzze und suzzet, drizzig, in den Formen von muzzen und lazzen), und überhaupt sind Verdoppelungen beliebt, nicht nur im Inlaut, wie in kammer(er)e, kappitel, kelle, kelnnere, phortten 150a, sammenungen, schapprun, vogellin, altter, altien, betuttet, kemmest, kummest, kummen, genummen, vernummen, sullen, zu sammen, sondern auch im Auslaut, in uf, funf, all, voll, wann, dann, enhett 299 und tett 82. k steht in der Regel statt c, ck in .danck, dencke, dencken, wencken, kk statt ck in glokke, f öfter statt v (frawe, fraude, flehen, frúm, frie, gefink), pf statt ph, s statt z (wis 93, verdros, es, das, aus), z statt s (in den Praet. waz und laz, in alz, dez, einez), zz vereinzelt statt s (hozzen) und für die Affricata z wenn nicht tz, so doch cz. alzv findet sich, alzuhant, herebracht, alleho, owe und andererseits uber suzzet, storet, en wurde, all gemeine, sammen. Marie, Michael, Job gegenüber steht felix, helyas, krist, rines. Groß geschrieben sind auch Got, Engeln 379, Engelisch, Romisch, Grawen, Patris 189 und Tusent 374, außer- dem die Versanfänge. Der Umlaut ist in bräder 219 angegeben. Doch findet sich weder Interpunktion noch Längenbezeichnung. Von Abkürzungen kommen verschiedene Haken und Schleifen vor statt -en (weren 186) und -us (laudamus), statt r (hiren: heren 61), -er- und -er, -ra- und -ri- (prime), oberhalb des Wortes angebrachte Querstriche statt m, n, -at- (Pairis 189)!) und -e- in Nebensilben (geön: leön 3). Was die Schreibfehler betrifft, so verzeichne ich stunde 6 (statt sunde), die Auslassung von er 34, vunsers 40 (statt unser), das zu griadin verschnörkelte gaudin 82, im 122 statt in, resposortium 193, kammere 198 (statt kamerere), sprich 259 (statt sprichet), Ja (?) 313 (statt Jn), dir 317 (statt ir), auch 349 (statt euch), nach 361 (statt noch) und die Weg- lassung von dem 365. Bedeutendere stehen in Kap. HA 2 und B.

D Wenn man die von Walther (Lex. Diplom. nebst Index) für Prior usw. angegebenen Abkürzungen mit denen für Pater usw. vergleicht und diese wieder mit den von Prou in seinem Manuel de Paleogr. 301f. verzeichneten, so ergibt sich, daß das beiden Paläographen unbekannte

Pris G 189 nicht Prioris, wie W. Grimm aufgelöst hat, sondern Patris zu lesen ist, was HK auch überliefert.

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Viertens Roths Druck in der Zs. f. d. Phil. XXVIII, 35—838, den ich mit D bezeichne. Zugrunde liegt ihm eine saubere Abschrift aus dem Nachlasse des 1858 zu Endenich bei Bonn verstorbenen Dr. Helferich Bernhard Hundeshagen. Worauf diese Abschrift aber zurückgeht, das hat, nach Roths Schweigen zu urteilen, Hundeshagen versäumt anzugeben, und auch Graf Mailáth hat gelegentlich seines unter dem Einfluß dieser Redaktion stehenden „neudeutschen“ Felix?) nichts darüber verlauten lassen. Die unbekannte, aber nicht unentbehrliche Hs. ist daher im folgen- den nur nach dem Druck zitiert.

Dieser drängt die 382 Verse des Felixgedichtes auf 105 zusammen, und da sowohl Eingang wie Schluß fehlen, die Dar- stellung selbst aber nicht nur ihrer volkstümlichen Umständlich- keit beraubt ist, sondern auch ihres poetischen Reizes, der frommen Schwärmereien, drastischen Dialogstellen und lebfrischen Reden: so bietet D nichts als einen dürftigen Auszug des Originals, dessen Hersteller u. a. auch das die tertia (9 Uhr früh) bezeichnende mitten morgen 147 irrig durch mittag wiedergegeben hat. Ob nur als ein dem mhd. Ausdruck entfremdeter Nachfahre oder als protestantischer Laie, um anderer Möglichkeiten nicht zu ge- denken, läßt sich nicht ausmachen.

In seiner Sprache sind jedenfalls ober- und mitteldeutsche Eigentümlichkeiten miteinander verquickt, und sie läßt sich um so eher als eine Art Frühneuhochdeutsch bezeichnen, als diese Mischung auch in beweisenden Reimen zum Ausdruck gelangt. So in ging : anbeginn?) 78, prim : empfing 63, vogelein : cleyn 17°) und zeit: ewigkeit 100. Auf das 16. Jh. weist denn auch das regelmäßig gebrauchte mönch und das außer Reim (statt was) durchgeführte wart). Es ist die Entstehungszeit von D.

1) Vgl. Kap. IX C. |

2) anbeginn erscheint hier in phonetischer Schreibung als anbeging sowie in der sonst nicht belegten Bedeutung „Vorgang, Vorfall, Be- gebenheit“.

#) Denn sein: des vogeleyn 27 kann nur des mangelnden Genitiv- zeichens wegen auffallen. Vgl. Kap. VIIC, 3b.

t) Vgl. DWb. VI, 2488 und Heynes DWb. III, 572 unten.

II. Kritik der Überlieferung.

A. Das Verhältnis der Felix-Handschriften.

1. H:K.

Von Köffinger'), Wackernagel?) und v. d. Hagen?) ab- gesehen, hat neuerdings besonders A. Schönbach *) die Anschauung vertreten, dab „K nur eine Kopie“ von H sei, und ihm haben sich Sprenger *), Karl vop Bahder) und Wilh. Uhl?) an- geschlossen. Die Verteidiger dieser Ansicht brauchen denn auch von der S. 5f. versuchten Zeitbestimmung für K nicht überzeugt zu sein, insofern sie die große Ähnlichkeit mit H als die Folge jener Kopie erklären können und so ihren chronologischen Wert bestreiten.

Um so besser stimmt die ungefähre Gleichzeitigkeit beider Hss. zur Gegenmeinung, wonach H und K die voneinander unab- hängigen Abschriften einer gemeinsamen, aber verlorenen Vorlage darstellen. Dieser Ansicht sind unter anderen auch G. F. Benecke °),

1) Colocz. Cod. S. VI.

2) Im 1. Absatz seines als Anmerkung in Maßmanns Denkmälern deutscher Spr. u. Litt. I, 105 gedruckten Briefes.

3) GA. III, 759.

1t) ZfdA. XXIX, 49.

5) Littbl. f. germ. u. rom. Phil. 1887, Sp. 478.

6), PBB. XVI, 583.

"1 ZfdA. XLI, 291.

®) Beytr. z. Kenntnis d. ad. Spr. u. Litt. II, 497.

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Jacob Grimm?), M. Haupt?), Pfeiffer?) und Kocian*) gewesen; neuerdings haben sich, von H. Paul’) abgesehen, besonders E. Heydenreich®), Karl Reissenberger’) und R. Brendel®) dafür eingesetzt.

Es kann hier nun nicht meine Absicht sein, die Frage durch Nachprüfung der von den verschiedensten Gedichten aus gewonnenen Spezialgründe zu entscheiden, von einer kritischen Betrachtung der Gesamthss. überhaupt zu schweigen. Es kommt für die zu leistende Textkonstitution vielmehr nur darauf an, das Handschriftenverhältnis unter dem Gesichtspunkte des M.F. zu erörtern.

H und K nämlich stimmen in auffallender Weise überein. Nicht nur, daß sie äußerlich die gleiche Überschrift, die gleiche Anzahl von Versen, die gleiche Anordnung zeigen zwei Spalten auf jeder Seite, die Spalte zu 40 Versen —: auch der Wortlaut des überlieferten Gedichtes ist, von den später zu besprechenden Stellen abgesehen, durchaus derselbe. Was aber bedeutsamer ist: beide Hss. haben (auch abgesehen von munche 26, Tvsent 96, werlichen 135, ie 219, ez 225 und sinen 379) entscheidende Fehler gemein. Sie ersetzen, um von den in Vs. 23. 102. 114. 343. 350. 360 und 375 fehlenden Aer, er, dich, so, der, im und in zu schweigen, wunderlich 100 fälsch- lich durch svderlichen, hete 109 durch hatte, lat 153 durch last, eine 192 durch einen, biz daz 292 durch do, mich 318 sowie ni 339 durch in. Sie entstellen Vs. 74 und 263, setzen zu

!) Sendschreiben an K. Lachmann S. 9.

2) Lieder u. Büchlein S. IX ff.

3) Marienlegenden S. XVII und Münch. gel. Anzg. 1851, Sp. 679.

D Die Bedeutung der überarbeiteten Hss. Ba u. Bb und der St. Florianer Bruchst. für den Text des A. Heinr. (Progr. d. KK. dtsch. Staatsgymn. in Budweis 1878) S. 4. 10. 11. 17 und 24.

5) A. Heinrich? Vorrede S. V.

©) Schnorrs Archiv XIII, 156. Vgl. Lütcke in v. d. Hagens Germ. V, 122ff.

7) Vgl. S. 6 Anm. 2.

D Hallische Diss. 1906, S. 12 ff.

13 Das Verhältnis von H zu K 13

Anfang und Ende des Gedichtes je zwei Verse zu, lassen nach 2. 227 zwei notwendige Verse fort. Nach Vs. 330 aber nehmen sie sechs 353—58 sinngemäß folgende Verse irrig voraus, und wenn, um für letzteren Fall ein markantes Detail zu geben, Vs. 355 dor inne hat, der vorweg genommene zeigt dort inne, in H wie in K. Im übrigen ist Kap. IIA4 zu vergleichen.

Für die Erklärung dieser Übereinstimmung kommt zu- nächst die gekennzeichnete Meinung A. Schönbachs in Betracht, wonach K „nur eine Kopie“ von H ist „und zwar mechanisch angefertigt“.

Dagegen bleibt für den M. F. jedoch einzuwenden, daß er, wie S. 3 gezeigt ist, der Hs. H ursprünglich gar nicht angehört hat. Allerdings könnte K von der mit Palimpsesten untermischten Gestalt von H kopiert sein, aber da es mechanisch geschehen sein soll, so wundert man sich, warum der M. F. z. B. nicht auch in K das 41. Stück ist, als welches er in der Vorlage folgt. (Er steht, wie erinnerlich, als neuntes in K.)

Die Beseitigung md. Reime, wie sie vor allem durch HK 275 zu belegen ist; der für den M. F. durch keinen Reim ge- sicherte, von md. Schreibern des 13. Jhs. gemiedene, also obd. Ersatz von & durch ö in do 70. 112. 311 und 351, dor an 78, dor inne 53 und 355 sowie in wo 89; die in HK 27. 30. 34. 137. 149. 185. 244 und 334 sich findenden bayrischen eu (statt iu >ü); die oberdeutschen Apokopen in -lich : -rich 63, sant 80, klein 81, tor 202, pfortener 251 und 255, sel: Michahel 281, het 299 und mal 340, (das bayrische scholde 120 sowie) das spät obd. graben 18 (statt gräwen) wären einer solchen Kopie freilich nicht entgegen. Aber nun hatı K einzelne bayrische Eigentümlich- keiten, die seiner Vorlage fehlen: beite 233 (statt beide); die Verbindung nt!) in sunte 6, begonte 53. 78 und 104, grunten 69 und unte 30; vlouk 113 (statt vlock), zu Anfang von 143 Awe und in Vs. 119 ein aus ? diphthongiertes e&ö in deinem, welches als das einzige in den 384 Versen des Colocensis vielleicht auf einem Irrtum beruht. Jedenfalls fehlt es in H.

1) Weinhold S. 187 oben.

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H aber zeigt, von konsonantischen Besonderheiten wie dem Ersatz von anlautendem g durch k (klogke 146) und dem von auslautendem ce durch ch (sanch 92 und 128, giench Bl und 175, geviench 52, enphiench 176 und 254) abgesehen, nicht nur Vs. 93 ein solches ei in wiz, Vs. 81 hat es ei statt ? auch im Reim: vogelin : gaudein. Es diphthongiert & zu ou in ouz 175, verfült 360, in daucht!) 79. 91 und 358, und dazu stimmt, daB H in euch und ewer durchweg zu eu wandelt, ei zu ai verbreitert in lait 31, einer 3. Pers. Sing. Praet., und daß es ai (statt ei) sogar reimt, wie lait : brait 341 bezeugt.

Demnach weisen H und K auch unabhängig voneinander bayrische Eigentümlichkeiten auf. Während aber K die neuen Diphthonge nur spärlich und innerhalb der Verse bietet, sind sie in H weit zahlreicher, weiter durchgeführt und an bedeutsamerer Stelle zu finden. Nun hatte sich aus paläographischen Gründen bereits das 14. Jh. als Entstehungszeit beider Hss. ergeben °): dem Vokalstande nach möchte man sie jetzt in den Anfang dieses Jhs.) setzen, und zwar ist nicht der fortgeschrittene codeæ rescriptus H, sondern der zurückgebliebene Colocensis als älter zu betrachten. Damit käme die Annahme, daß letzterer eine Kopie von H sei, bereits zu Fall.

Genau genommen liest diesem Schlusse freilich nur die mehr oder weniger durchgeführte, unter der Einwirkung der großenteils md. Vorlage noch weiter beschränkte Schreibung eines Vokalwandels zugrunde, der in Wirklichkeit längst ab- geschlossen war. Doch das verschlägt nichts. Denn schon die bloße Tatsache, daß K die seiner Neigung zum Bayrischen entgegenkommenden Formen von H entbehrt, widerspricht der in Rede stehenden Auffassung, entschieden aber der Umstand, daß das bayrisch gefärbte K richtige, dem md. Dialekt des Gedichtes entsprechende Formen aufweist, die in H fehlen: wenn

1) In Vs. 131 bietet H dovchte, K dvchte.

2) Vgl. S. 5f.

3) Weinhold § 105. Nach Kocian a. a. O. 17 sind H und K „wahr- scheinlich noch im 18. Jh. angefertigt worden“.

15 Das Verhältnis von H zu K 15

nicht bekumen : vernumen 161, genumen 345, geboren 9, verloren : gesworen 109, verfulet 360, so doch iz 49, vor allem aber das Vs. 17. 163. 172. 186. 208. 209. 274. 281. 302. 303 und 349 erscheinende uch statt des in H (und K 185 und 244) beliebten bayrischen euch.

Dazu kommt, daß gewisse Schreibfehler von H in K nicht wiederkehren, obwohl es im übrigen durchaus nicht so achtsam verfährt!), daB man an eine Verbesserung glauben könnte. Es sind das, von trône (statt trone) 370 abgesehen, in 82 statt cn, sin 178 statt min und ein 207 statt kein. Endlich finden sich Absätze in K, die H entbehrt.

Es läßt sich also weder eine „mechanisch ange- fertigte“ noch überhaupt eine „Kopie“ des Felix K vom Felix H behaupten.

Die umgekehrte Anschauung aber, dab H nämlich eine Ab- schrift von K sei, besticht zunächst, weil K bis zur Reskription von H den M. F. nicht nur allein, sondern von den bekannten Hss., wie es scheint, auch als älteste enthalten hat. Dagegen spricht in- dessen, daB die Abschrift H, obschon bayrisch überarbeitet, nicht nur drunken aufweist Vs. 182 für das in K überlieferte trunken, geschen 221 und 274 für geschehen in K, hösten 370 für hohsten, demutick?) 23 für diemutic, (engelen und) herzelichez (379 und) 129 statt der synkopierten Form, sondern daB H auch den md. will- kommenen schw. Gen. Sing. kuniginnen bietet Vs. 24, sang und vlock Vs. 105 und 113 (statt sanc und vlouk in K), zu H 44. 61. 87 und 200 (Mitte) statt des in K gebrauchten ze, außerdem aber dem md. beliebten monophthongischen Zuge von ú und u zu ú, von ie zu i folgt, dem die Vorlage K sich für die betreffenden Stellen versagt. Man vgl. suze und suzet 92. 127. 142. 293; muze und muzet 5. 188. 287; Vs. 118 gemut, und was den Ersatz